Brief von Hendrik Witbooi an Gouverneur Leutwein vom 03.11.1904 (deutsche Übersetzung)

Rietmond, 03.11.04

An den Gouverneur!

Ich habe Ihren Brief vom 21. Oktober gelesen und gehört und will Ihre erste Frage nach der Ursache [des Krieges, d.O.] beantworten. Die Ursache liegt weit zurück Sie haben mir gesagt, dass Sie den Brief an Herrn Hermanus von Wyk gelesen haben. Wenn Sie den Brief an Hermanus gelesen haben, so haben Sie gesehen, wovon mein Herz voll ist. Wie Sie in Ihrem Briefe schreiben, habe ich 10 Jahre in Ihrem Gesetz, hinter Ihrem Gesetz und unter Ihrem Gesetz gestanden. Und nicht ich allein, sondern alle Häuptlinge in Afrika. So fürchte ich Gott, den Vater. Die Seelen, [Leute. d.Ü.] welche in den 10 Jahren ausgefallen [Es ist gemeint: die Leute, welche in den 10 Jahren der deutschen Herrschaft gestorben, res. umgekommen sind. Anmerk des Übersetzers] sind in allen Nationen in Afrika und bei allen Häuptlingen, ohne Schuld und Ursache und ohne wirklichen Krieg im Frieden und im Vertrag vom Frieden.

Die große Rechenschaft, welche ich vor Gott dem Vater zu geben habe; der im Himmel ist, ist sehr groß. So hat Gott unsere Tränen und Bitten und Seufzer gehört und uns erlöst. Denn ich warte auf ihn und flehe zu ihm, damit er unsere Tränen trocknet und uns erlöst zu seiner Zeit.
So hat jetzt Gott aus dem Himmel den Vertrag gebrochen. Weiter haben Sie mir geschrieben, ich hätte wehrlose weiße Menschen tot gemacht und daß 80 meiner Leute in Ihrer Gewalt sind für die Menschen, um die weißen Leute mit meinen Leuten zu bezahlen. [Randbemerkung: Diese Drohung hat bereits den Erfolg gehabt, daß die Witboois den in ihre Hände gefallenen Ansiedler Faaber nicht getötet, sondern nur über ihre Grenze abgeschoben haben. Anmerk. d. Gouv.] Und nun bitte ich Sie, wenn Sie diesen Brief klar gelesen haben, dann müssen Sie sich in Ruhe hinsetzen, darüber nachdenken und die Seelen ausrechnen, welche in den 10 Jahren ausgefallen sind, von dem Tage an, seit Sie ins Land gekommen, bis zum heutigen Tage. Und rechnen Sie auch die Monate von 10 Jahren und Wochen und Tage und Stunden und Minuten, seit die Leute ausgefallen sind. Und rechnen Sie die weißen Menschen, die in dieser kurzen Zeit [seit Ausbruch des Aufstandes d.Ü:] in meine Hand gefallen sind, so sage ich Ihnen, diejenigen Leute, welche in Ihrer Hand sind, wissen nichts von meinen Werken und sie haben Ihnen treu gedient. So geben Sie die Leute frei, ohne ihnen etwas zu tun, alle Leute, die die Häuptlinge Ihnen gegeben haben. Und den weißen Menschen kann es, [mein Verfahren d.O.] nicht unbekannt gewesen sein, weil der Hauptmann v. Burgsdorff selbst meinen Briefgelesen hatte, bevor ich etwas gemacht habe.

Ferner bitte ich Euer Wohlgeboren, nennen Sie mich doch nicht Rebell.

Soweit bin ich Kapitän
gez. Hendrik Witbooi